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Dana International - Israels Ultraorthodoxe und die Popsängerin - Berliner Morgenpost vom 30.11.1997

Israels Ultraorthodoxe und die Popsängerin

Der kuriose Streit um einen transsexuellen Star
Von Ulrich W. Sahm

Mit einem Augenzwinkern zeigt der arabische Tankwart einer Kundin die Titelseite der Tageszeitung. "Ist sie nicht kostbar?" fragt er etwas zweideutig und seine Finger fahren über das diamantenbesetzte Kleid der abgebildeten schönen Dame. Am Tag zuvor hat eine Jury entschieden, die Sängerin 'Dana International' mit ihrem Lied 'Diwa' als Beitrag Israels zum nächsten Eurovision-Gesangswettbewerb zu schicken. "Bestimmt", erwidert die Kundin schmunzelnd, "es ist sicher teuer, sich von einem Mann zur Frau umwandeln zu lassen". Dem jungen Araber fällt vor Schreck fast der Tankstutzen aus der Hand.

Die 27 Jahre alte Sängerin 'Dana International' heißt eigentlich Scharon Cohen. 'Dana International' wird sie seit vier Jahren genannt, nach einem ihrer Lieder. Und eigentlich heißt sie nicht Scharon, sondern Yaron Cohen und eigentlich war sie keine Frau, sondern ein Mann. Die Geschichte ihrer Geschlechtsumwandlung gehört mittlerweile genauso zu ihren Markenzeichen wie die immer gewagten Dekolletäes, die Federn im kunstvoll gestalteten Haar und ihr Künstlername. Dana, alias Scharon alias Yaron, war bis zum 12. Lebensjahr "ohne jegliche sexuelle Identität, wie jedes andere Schulkind". Doch dann bemerkte Yaron, daß etwas an ihm anders war als bei anderen Jungen. Er suchte die Gesellschaft Homosexueller. Aber irgendwann wurde ihm klar: "Ich war eine Frau in einem Männerkörper".

Vor sechs Jahren erst erzählte er seinen Eltern von seinen Gefühlen. Die waren überrascht. "So ist das mit Eltern. Die sehen nicht, was sie nicht sehen wollen". Erst waren sie schockiert, doch die Liebe zu ihrem Sohn überwog. Dana: "Sie standen vor der Alternative, einen homosexuellen Sohn oder eine Tochter zu haben. Für sie machte die Wahl keinen großen Unterschied".

Im Mai 1992 flog Yaron nach London. Zwei Tage lang wurde er von Psychologen befragt. Dann kam die vierstündige Operation. Nach vier Tagen flog er als Scharon Cohen zurück nach Tel Aviv.

Kurz nach der Operation begann ihre musikalische Karriere. Schon 1994 war sie sehr populär geworden, vor allem im feindlich gesinnten Ägypten. Den Durchbruch hatte sie mit einem Lied von Whitney Houston, 'My Name ist not Susan'. Dana änderte den Text in 'My Name is not Saida', bettete das Lied in orientalische Klänge und eroberte damit im Sturm die Herzen der Ägypter.

Auch in der Popszene Israels ist 'Dana International' ein Phänomen. Schon vor drei Jahren bedauerten Musikkritiker, sie nicht zum Grand Prix geschickt zu haben. In diesem Jahr aber habe sie 'beste Chancen', bei dem weltweit ausgestrahlten Gesangswettbewerb viele 'douze points' für Israel zu holen 'Trotz der politischen Lage', wie ihr Manager Ofer Nissim betont.

Die nach ihrer Wahl neu entflammte Auseinandersetzung um 'Dana International' hat in Israel kuriose Blüten hervorgebracht. Grundsätzlich ist es nämlich ultraorthodoxen Juden verboten, singende Frauenstimmen anzuhören. Deshalb werden bei frommen Rundfunksendern in Israel nur von Männern oder Knabenchören gesungene Lieder gespielt. Was gilt nun im Falle von 'Dana International'? 1995 entschied ein Rabbi aus dem Norden, daß das Verbot für 'Dana International' nicht gelte, weil Gott sie als Mann geschaffen habe. Ein Mitglied de Rundfunkrats ließ nun eine Sonderberatung zu der Wahl der Jury einberufen. Der Abgeordnete Butbul der orientalisch-sephardischen Schass-Partei kündigte an: "Ich werde alles tun, ihre Reise zum Grand Prix zu verhindern". Seine Begründung: "Dies ist kein normaler Mensch". Und der stellvertretende Gesundheitsminister Benisri, ebenfalls von der Schass-Partei, sagte verbittert: "Diese Kreatur beschämt mich in meiner Ehre als Jude". Von Zion werde kein Licht zu den Völkern gebracht. "Mit Dana International schickt Israel den Völkern Finsternis".

Die Bürgerrechtlerin und Abgeordnete Yael Dayan, Tochter des einäugigen Generals Mosche Dayan, empörte sich dagegen über die Einmischung in die privaten Angelegenheiten der Sängerin: "Man kann doch einen Künstler nicht wegen seiner sexuellen Präferenzen ausschließen". "Dana International" sagt zu dem Streit ganz einfach: "Gott gehört allen. Mein lieber Gott liebt alle Menschen".

Berliner Morgenpost 1997