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Buch-Schnippsel:

Maarten t' Hart: Das Wüten der ganzen Welt

(26. November 2006)
In vielen Romanen kommen mittlerweile Transgender vor. In lockerer Reihenfolge bringen wir nun Auszüge aus diesen Büchern, um zu zeigen, wie unterschiedlich wir dargestellt werden. Heute ein Text des holländischen Autors Maarten t' Hart aus seinem Bestseller "Das Wüten der ganzen Welt":

Auszug: ...Nach einigen Minuten hörte ich seinen Schritt auf der Treppe. Hastig lief ich aus dem Zimmer. Im Treppenhausflur trafen wir einander. Ich erkannte ihn übrigens nicht sofort. Er mich natürlich sehr wohl, und er stand dort, zu Tode erschrocken, wie man sagt, und starrte mich an. »Du hier, keuchte er, »was tust du hier?«

Offensichtlich hatte ich den Presbyterbesuch noch so frisch in Erinnerung, daß ich zu nichts anderem fähig zu sein schien als zu einem wiederholten:»Jesus Christus, Jesus Christus.«

Wir standen da und sahen uns nur an. Er zuckte immer wieder mit den Schultern, sagte schließlich:
»Nun ja, nun weißt du es.«

Dann, während ich doch normalerweise so schroff bin, sagte ich etwas, von dem ich jetzt noch nicht begreife, wie ich es über die Lippen gebracht habe: »Das steht dir verdammt gut, ja, du siehst aus wie eine Gräfin, aber wie kommst du...« Da begriff ich, wessen Rock und Bluse und Schuhe er angezogen hatte und wessen Hut er aufgesetzt hatte. Auch begriff ich, wo er den Lippenstift und all die anderen Make-up-Artikel gefunden hatte, mit denen er sein rundes, noch jungenhaftes Gesicht in ein maskenhaftes Mädchengesicht verzaubert hatte.

»Tust du das öfter?« fragte ich.

Er machte eine Gebärde, die sowohl ja als auch nein bedeuten konnte, und ich ging wieder ins Zimmer, in dem der Flügel stand, und er kam hinter mir her. Wir setzten uns in die Sessel, und er sagte: »This is very embarrassing.«

Warum sagte er das auf englisch? Weil es die Sprache seiner Mutter war? Oder um eine Art Abstand zu schaffen? Oder um seine Verlegenheit zu überspielen? Das Eigenartige war, daß er so überzeugend mädchenhaft aussah, und nicht allein überzeugend mädchenhaft, sondern auch wie ein Mädchentyp, den man niemals im Hoofd antreffen würde. Kurz, wohl ein Mädchen, aber bestimmt kein hittepetitje. Damit hatte er auf einmal einen enormen Vorsprung vor mir, der ich so unendlich gern aus dieser Welt herauswollte und in der er, wie er jetzt aussah, nie und nimmer akzeptiert werden würde. Und indem ich dies letzte durchschaute, wußte ich: Wenn es mir gelang, dies zu akzeptieren, nahm ich ebenfalls vom Hoofd Abstand und damit zugleich von allem, was dort nicht möglich war oder nicht möglich sein durfte. Daher sagte ich: »Was embarrassing genau bedeutet, weiß ich nicht aber ich hab hier auch mal rumgeschnüffelt, ich hab hier auch schon mal andere Kleider angezogen.«

»Du? Aber du... nein, das glaub ich nicht, solltest du...«

»Nun ja, keine Frauenkleider, das nicht, aber den Mantel und den Hut und den Schal von dem Mörder.«

»Von dem Mörder? Welchem Mörder?«

»Dem Mörder von Vroombout.«

»Hängen hier die Kleider von dem Mörder?«

»Meiner Meinung nach ja. Auf dem Dachboden. Warte, ich werde sie holen, ich werde sie anziehen, dann kannst du sehen, wie er aussah, vielleicht weißt du dann, wer es ist.«

Absichtlich trödelte ich, obwohl ich Halstuch, Mantel und Hut sofort wiedergefunden hatte, noch lange auf dem Dachboden herum, damit er die Kleider von Maria Minderhout ausziehen und sein Gesicht waschen konnte. Als ich wieder nach unten kam, hatte er dies tatsächlich getan, was mich sehr erleichterte.

»Sieh dir das an«, sagte ich, »dies ist meiner Meinung nach der Schal, den der Mörder sich vors Gesicht hielt, oder sonst ist es genau so ein Schal. Beim Hut und Mantel bin ich weniger sicher, aber sie können es sehr wohl gewesen sein.«

»Aber wie sind sie denn bei Minderhout gelandet? Und warum hat Minderhout dann die Sachen nicht weggeworfen?« fragte er. »Das versteh ich überhaupt nicht, ich würde sofort alles verbrennen oder so...«

»Kapier ich auch nicht. Vielleicht sind es auch gar nicht die Sachen, dies sind Dinge, die man überall kaufen kann, aber trotzdem: Wenn ich sie anziehe, sehe ich diesem Mann ziemlich ähnlich.«

»Dann zieh sie mal an.«

»Nein, zieh du sie mal an«, sagte ich. »Meiner Meinung nach siehst du dann auch so ähnlich aus wie der Mann.«

Aber das war keineswegs so. Ausstaffiert mit Mantel, Schal und Hut sah William wie ein kleiner Junge aus, der die Kleider seines Vaters angezogen hatte. Erst als ich alles angezogen hatte, stand ein weiteres Mal, in einer schmächtigeren Ausrührung, der
Mann dort, den ich nur kurz gesehen hatte.

»Wenn du wirklich dem Mann so ähnelst«, sagte er, »ist es jemand, den ich noch nie gesehen habe.«
Wir hörten die Haustür.

»Jesus, kommen sie etwa »jetzt schon nach Hause?« fragte William erschrocken.

Er lief zur Treppe, schaute nach unten. Der Wind hatte die Tür, die noch immer angelehnt gewesen war, weit aufgestoßen. Dennoch war ich so erschrocken, daß ich hastig alles auszog und es schnell wieder auf den Dachboden brachte.

Dann saßen wir mit bleichen Gesichtern in den Sesseln. Wir dachten nicht im entferntesten daran, jetzt noch zu musizieren, ich fragte: »Warum bist du eigentlich in den Kleidern nach draußen gegangen?«

Er sagte: »Wenn du dich verkleidet hast, ist da ein unwiderstehlicher Drang, darin auf die Straße zu gehen. Du hast eine Heidenangst, dennoch willst du unheimlich gern darin auf die Straße. Ich bin einmal rundherum gegangen, durch die Hoogstraat und die Veerkade. Und da ich keinen Schlüssel hatte, mute icßh die Tür wohl oder übel angelehnt lassen.«

»Bist du jemandem begegnet?«

»Zwei Menschen, aber die guckten nicht mal.«

»Hast du das schon öfter gemacht?«

»Wenn ich die Möglichkeit habe, tu ich es. Ich weiß auch nicht, wie es kommt, ich hab immer ein Mädchen sein wollen, schon von klein auf, ich kann nichts dagegen tun, wirklich nicht. Das gäb's öfter, sagte Arend immer.«

»Wußte Vroombout davon?« fragte ich erschrocken.

»Bei ihm zu Hause habe ich mich ab und zu, nun ja, oft... und dann gingen wir zusammen auf die Straße, dann war es genau so, sagte er immer, als wenn er mit seiner Tochter spazierenginge.«

»Aber wie bist du denn an die Sachen gekommen?«

»Er hatte ein paar Dinge für mich gekauft.«

Lange Zeit blickten wir einander nur einmal scheu in die Augen und dann wieder eine Weile voneinander weg. Erst als wir später am Abend an der vertrauten Havenkade entlanggingen, spürte ich, wie sich langsam, zumindest bei mir, die Scham löste. War das bei ihm auch so? ...

Maarten t' Hart: Das Wüten der ganzen Welt



 
 

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