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Better Than Chocolate

"Eine verführerische Komödie" lautet der Untertitel der kanadischen Produktion unter der Regie von Anne Wheeler. Die Regisseurin macht seit 1975 Filme und in den Neunzigern auch TV-Produktionen. Im Internet gibt es ja mehrere Seiten a la "10 Gründe, warum Schokolade besser als Männer/Frauen ist"; hier wird der Gegenbeweis angetreten. Maggie hat ein Geheimnis; Kim wird abgschleppt; Frances wird zensiert; Judy heißt eigentlich Jeremy; Lila macht eine Entdeckung; Paul wird verführt; Carla liebt sie alle und auch Dildos machen glücklich...

Das Ganze etwas ausführlicher? Gerne! Die Premiere von Maggies (Karyn Dwyer) Performance im Szene-Club "Cat's Ass" zum Song "Sexy" ist ein voller Erfolg. Auf dem Nachhauseweg wid sie von aufdringlichen Skins angegriffen. Gerade noch rechtzeitig wird sie von einer unbekannten Frau gerettet, die zufällig mit ihrem Wohnmobil vorbeifährt. Tagsüber arbeitet Maggie in einem Buchladen; abends tritt sie als Show-Girl auf; nachts schläft sie im Hinterzimmer des Buchladens. Sie will Schriftstellerin werden und mag ihren Lifestyle; doch vor ihrer Mutter hat sie Geheimnisse. Als ihre Mutter Lila (Wendy Crewson, bekannt aus "Air Force One") und ihre Bruder Paul (Kevin Mundy) sich unerwartet zu einem Besuch ankündigen, muß Maggie schnell eine "Scheinwelt" erfinden. Kurzerhand mietet sie eine große Wohnung die ausgerechnet einer Sex-Toy-Expertin gehört, die auf eine Veranstaltungstournee muß. Mutter und Bruder ziehen in das neue Zuhause ein. Wie das Leben so spielt, trifft Maggie die unbekannte Retterin bald wieder. Sie heißt Kim (Christina Cox), ist Malerin und zeichnet gerade ein Portrait von Toni, der Maggies Freund und Inhaber eines Cafes ist. Dort kommen sich die Frauen bei Kaffee und hochprozentigem Grappa näher. Zwischen den Beiden funkt es so sehr, daß es sie herzlich wenig stört, als ihr Liebesnest, das bunte Wohnmobil Kims, abgeschleppt wird. Da Kim völlig Pleite ist, kann sie ihr Zuhause nicht auslösen. Die Geliebte Kim wird deshalb der Familie als vorübergehende Mitbewohnerin vorgestellt. Paul entdeckt schnell das Geheimnis seiner Schwester, verrät es aber nicht. Lila ahnt dagegen nichts; sie ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Sie steht kurz vor ihrer Scheidung und sieht schwarz, was ihre Zukunft betrifft.. Ihr einziger Trost sind Schokoladen-Pralinen, die sie ständig verschlingt. Mittlerweile bricht auch im Buchladen das Chaos aus. Die etwas spröde Besitzerin Frances (Ann-Marie MacDonald bekannt aus "I've Heard The Mermaids Singing) wird vom Zollamt schikaniert. Ihre importierten Bücher werden beschlagnahmt; darunter auch der Titel "Rotkäppchen". Für die eindeutigen Offerten von Judy (Peter Outerbridge) hat Frances gar keine Zeit. Judy ist Maggies Freundin aus dem Cat's Ass, in dem sie als Sängerin arbeitet. Sie lernt Lila kennen, als sie Maggie in ihrer neuen Wohnung besuchen will. Die Beiden verstehen sich auf Anhieb prächtig. Frances will persönlich ihre Probleme mit dem Zoll klären, was zur Folge hat, daß sie und Maggie von der Security-Beamtin Bernice (Beatrice Zeilinger) rausgeworfen werden. Diese unangenehme Situation verstärkt sich noch, daß Bernice eine Ex-Freundin von Frances ist. Lila ergattert einen Job als Maklerin. Obwohl dies eigentlich ein Grund zur Freude ist, bemittleidet sie sich selbst und meint, sogar Gott könne ihr frustriertes Sexleben nicht ändern; mit 50 sei eben Schluß. Da hilft nur noch Schokolade. Lila hilft Judy, ihr Erbe in einer Eigentumswohnung anzulegen. Begeistert entdecken beide, daß sie eine Menge gleicher Interessen haben. Sie lieben die gleichen Songs, träumen von einer Karriere als Sängerin, haben den gleichen Mode-Geschmack und trinken gerne ein Schlückchen. Judy gesteht Lila ihre Liebe zu Frances. Allerdings hält Lila Frances für einen Mann. Alle außer Lila treffen sich im Cat's Ass. Kim und Maggie amüsieren sich auf der Damentoilette. Paul und Maggies Kollegin Carla, die einst auch 'mal mit Maggie flirtete, kommen sich näher. Judy präsentiert ihren Song "I'm Not A Fucking Drag Queen". Während der Show flirtet sie mit Frances, die im Publikum sitzt. Carla und Paul beschließen den Club gemeinsam zu verlassen. Judy wird auf der Damentoilette zusammengeschlagen und im letzten Moment von Maggie und Kim gerettet. Lila entdeckt derweil das Dildo-Sortiment der verreisten Sex-Toy-Expertin und vergißt ihren Heißhunger auf Schokolade. Die angeschlagenen Judy geht mit Frances nach Hause. Doch die Zeit für ein intimes Rendezvous scheint noch nicht reif. Am nächsten Morgen serviert eine gut gelaunte Lila Maggie und Kim Kaffee. Lia versucht ein aufklärendes Mutter-Tochter-Gespräch. Doch Maggie verweigert sich dem plötzlichen mütterlichen Interesse. Kim ist beleidigt, weil Maggie sie verleugnet und trennt sich von ihr. Sie löst ihr Wohnmobil aus und will weiterziehen. Judy sitzt wegen des vermasselten Rendezvous betrübt im Cafe. Sie trifft Kim und versucht vergebens, sie von der Fahrt nach San Francisco abzuhalten. Frances wird von Bernice vor einer nächtlichen Razzia gewarnt; sie weiß weder ein noch aus. Lila hilft Judy, die neue Wohnung zu streichen. Zufällig erfährt sie dabei den richtigen Vornamen Jeremy. Zuerst ist Lila geschockt über Judys Geschlechtsumwandlung und genehmigt sich einen großen Drink auf Ex. Lila versucht sich mit dem Argument, sie sei zu alt für "dies" aus der Affäre zu ziehen. Judy reagiert ihre Wut ab, indem sie sämtliche Farbtöpfe an die Wand wirft. Lila schließt sich der Orgie an. Maggie denkt sich eine radikale Protestmaßnahme gegen die erwartete Razzia aus. Nackt, nur mit einem Schild bekleidet, das die Aufschrift "obscene & lesbian pervert" trägt, stellt sie sich als lebende Schaufensterpuppe in die Auslage. Judy und Lila haben inzwischen ausgetobt, betrinken sich hemmungslos und ziehen um die Häuser. Kim bereut ihre Trennung von Maggie und versucht, ihre Liebste telefonisch zu erreichen. Ausgerechnet Skins kommen an dem Buchladen vorbei und belästigen Maggie. Zufällig schwanken lila und Judy auf die Randalierer zu. Judy will eigentlich die Flucht ergreifen, aber Lila attackiert sofort die Glatzen. Judy vergißt ihre Angst und schlägt einen der Skins zu Boden. Die ziehen sich verwirrt zurück. Während Judy bei Toni Kaffee holt, sorgt sich Lila um die völlig fertige Maggie. Doch die Skins kommen zurück und werfen Brandsätze in den Buchladen. Es kommt zu einer gewaltigen Gasexplosion. Wie durch ein Wunder wird aber niemand verletzt. Maggie und Lila fallen sich versöhnlich in die Arme. Die herbeigeeilte Frances umarmt verliebt Judy. Ein Wohnmobil bremst vor den zerstörten Geschäften; Kim und Maggie haben sich wieder. Lila wundert sich über nichts mehr und trinkt mit Toni einen ordentlichen Grappa. Das Happy End erscheint am Horizont.

Der Film lief sehr erfolgreich bei Kritikern und Publikum auf der Berlinale. Er zeigt, daß "Lesbenfilme" nicht schwer-verdauliche und -verständliche Dramen sein müssen. Fast könnte man ihn als den "Beautiful Thing für Lesben" bezeichnen, doch leider sind die Klischees etwas zu zahlreich und zu kraß geraten. Aber darüber trösten die wunderschönen Bilder (auch von *jeder Menge* Fleisch und Lesben-Sex!) und die bisweilen göttlichen Dialoge und Schnitte hinweg.


Judy/Jeremy




Filmkritik aus der Kölner Stadtrevue 7/99

Hoher Feel-Good-Faktor

BETTER THAN CHOCOLATE von Anne Wheeler

Daß immer mehr Filme die heiteren Aspekte lesbischen Coming-Outs darstellen, daß die Zeit der bleischweren Dramen mit Hang zum finalen Suizid endgültig vorbei zu sein scheint, das ist die gute Nachricht. Während die beiden bekanntesten kanadischen Lesbenfilme der letzten Jahre, "When Night is Falling" und "I've Heard the Mermaids Singing" noch stark melancholische Züge trugen, geht Regisseurin Anne Wheeler ihre romantische Komödie über ein junges Liebespaar in Vancouver betont lieblich und unbeschwert an. Die 19-jährige Maggie arbeitet tagsüber im lesbischen Buchladen "Ten Percent" und tritt abends als Performerin in einem Club auf, als sie auf Kim trifft, die mit ihrem Wohnmobil durch die Gegend zieht. Just als die Affäre zwischen den beiden Frauen beginnt, tauchen Maggies ahnungslose Mutter samt Bruder auf, um sich bei ihr einzuquartieren.

Die Verwicklungen, die sich aus Maggies Doppelleben ergeben, bieten allerlei Comedy typisches. Wheeler hat sich jedoch mehr vorgenommen als die alte Frage, wie sag ich's meiner Mutter. Anhand der Nebenfiguren, einer Clique rund um den Buchladen, werden auch Bi- und Transsexualität verhandelt. Dabei gehören Peter Outerbridges Auftritte als transsexuelle Judy, vor allem seine Performance "I'm Not A Fucking Drag Queen" zu den besten Szenen des Films. Schließlich kommt Maggies Bruder Paul mit einer bisexuellen Frau und Mutter Lila mit Sex-Toys in Berührung, womit auch Heterosex und Selbstbefriedigung ins erotische Panorama integriert wären.

Letztendlich sind die Figuren jedoch zu eindimensional, als daß sich aus den diversen Beziehungskonstellationen ein überzeugender Spannungsbogen entwickeln könnte. Für etwas mehr Dramatik und Tempo bedarf es der Bedrohung durch die Außenwelt: "Ten Percent" sieht sich mit Zensurmaßnahmen kanadischer Zollbehörden konfrontiert, die behaupten, die Buchhändlerinnen würden lesbische "Pornographie" importieren. Und, als wäre das nicht schon genug, wird der Laden auch noch von Skins angegriffen. Da jedoch Repression bekanntlich den Zusammenhalt fördert, finden schließlich alle zusammen, die zusammen gehören wollen.

"Better Than Chocolate" ist ein thematischer Rundumschlag mit aufklärerischen Untertönen fürs breite Heteropublikum, das Wheeler erklärtermaßen erreichen will. Auch das lesbische Publikum goutiert den Film aufgrund des hohen Feel-Good-Faktors, wie die Vorführung anläßlich des Lesbenfrühlingstreffens in Köln bewies. Lesbische Komödien und unproblematische Liebesgeschichten sind noch so rar gesät, daß von Überdruß keine Rede sein kann. Ohne dem Szene-Publikum ein Recht auf Happy Love und Happy-End absprechen zu wollen, sei jedoch die Frage gestattet, was von den Figuren übrig bliebe, gäbe es nicht Mütter, Zoll- behörden und Gay-Basher. Banalitäten vermutlich, und das ist die schlechte Nachricht.

WERA REUSCH