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Enthüllung einer Ehe

Kritik aus der Süddeutschen Zeitung:

Verhoevens Modell

Behutsame Pionierarbeit: „Enthüllung einer Ehe“, ARD

Die Westphals sind eine glückliche Familie. 17 Jahre verheiratet, zwei Kinder, hübsches kleines Einfamilienhaus. Er, Roman, ist Gymnasiallehrer und wurde soeben zum stellvertretenden Direktor ernannt. Sie, Jana, unterstützt ihn als gut aussehende, treusorgende Ehefrau. Alles könnte bestens sein, wäre da nicht Romans plötzliche Panikattacke unter Janas Küssen, die von irgendeiner Angst zeugt, die er verdrängt. Dann findet Jana im Jackett ihres Mannes einen Lippenstift, und sie vermutet, was jede Frau an ihrer Stelle vermuten würde: dass Roman eine Geliebte hat. Wie sich herausstellt, fühlt sich Roman tatsächlich stark zum anderen Geschlecht hingezogen: Er ist transsexuell. Er hasst seinen Körper und sehnt sich danach, eine Frau zu sein.

Transsexualität – was das ist, was in einem Betroffenen vorgeht und wie seine Familie damit umgeht, davon hat Michael Verhoeven in seinem Film Enthüllung einer Ehe erzählt, zu dem er selbst, zusammen mit Nicole Walter-Lingen, das Buch geschrieben hat. Die Behutsamkeit, mit der Verhoeven sich dieses vernachlässigten Themas annimmt, ist in unserem real dilettierenden immer-schneller-blöder-geiler-Fernsehen eine Seltenheit und verdient allein schon deswegen Respekt. Der Film verweigert sich jeglichem Voyeurismus, und er bedient auch nicht die üblichen Klischees von aufgekratzten Drag Queens und flötenden Tunten in Frauenfummeln, die man aus einschlägigen Komödien wie Ein Käfig voller Narren kennt. Verhoeven geht es wirklich um das Thema, um so etwas Altmodisches wie Aufklärung. Darin liegt die große Qualität des Films – aber auch seine Schwäche: Wer viel erklären, um Verständnis werben und Fakten liefern muss, gerät schnell ins Dozieren. Den didaktischen Modellcharakter merkt man Verhoevens Geschichte an, leider auch den Dialogen.

Aber auch, wenn er manchmal ein wenig wie Bildungsfernsehen für Erwachsene wirkt: Der Film leistet Pionierarbeit, und man lässt sich gerne ein auf dieses Drama einer Metamorphose – auch weil Verhoeven zwei bemerkenswerte Hauptdarsteller hat. Nina Hoger stellt in der Rolle der erst schockierten, dann verständnisvollen Ehefrau all die Fragen, die auch der unbedarfte Zuschauer hat: "Was bist du?
Ein Transvestit? Macht dich das an? Bist du pervers? Schwul?" Und sie stellt die Gretchenfrage der Ehefrau: "Ist das endgültig? Oder hab’ ich noch eine Chance?" Eine Zeit lang hofft Jana, dass die tiefe Identitätskrise ihres Mannes heilbar sei wie eine Krankheit. Sie geht zum Psychotherapeuten, führt Gespräche mit Leuten aus Romans Selbsthilfegruppe. Doch alle Versuche, zu einer "Normalität"
zurückzukehren, scheitern. Roman muss sich eingestehen: "Es ist stärker als ich."

Dominique Horwitz spielt Roman auf dem Weg zu Ramona: ein Leidender an sich selbst, zutiefst verzweifelt, dabei ein liebender Vater. Er hat starke, berührende Momente, etwa wenn er sich zärtlich die Brusthaare rasiert, sich aus Hass auf seinen Körper selbst verletzt oder sein Gesicht sich in der Spiegelung einer Glasscheibe mit dem seiner Frau vermischt.

In solchen Momenten ist er zwar noch nicht Ramona, doch der Film ganz bei sich.

CHRISTINE DÖSSEL