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Presse
Leserbrief von Alex an die Redaktion von Psychologie heute

Sehr geehrte Damen und Herren,

vor einigen Tagen wurde in einigen Transgender-Foren ein Leserbrief zu einem Artikel in Psychologie Heute 11/2000 widergegeben. Dieser Leserbrief wurde - wenig überraschend - nicht sonderlich freundlich aufgenommen. Es handelt sich um den Leserbrief von Tanja Krienen, Unna.
Daraufhin habe ich mir auch den zugehörigen Artikel besorgt. Ich möchte hier sowohl zu dem Artikel als auch dem Leserbrief Stellung nehmen; aber vielleicht noch einige kurze Angaben zu meiner Person: Ich bin selber transgender, und zwar ein Transmann (FzM), und Sprecher und Gründer des TransMann e.V. Ich betreute einige Mailinglisten (und nehme an noch mehr teil) zum Thema, sowie die Webseite des TransMann e.V. (www.transmann.de). Außerdem bin ich Angehöriger der "Projektgruppe Geschlecht und Gesetz", die sich um eine Neufassung des TSG bemüht, sowie um weitere notwendige politische Änderungen. (http://pgg.trans-info.de)

Zum Artikel "Lieber operiert als therapiert"
Zunächst einmal - ich habe schon wesentlich schlechtere Artikel zum Thema Trans* gelesen, auch solche, die einen wissenschaftlichen Anstrich hatten. Allerdings ist der Artikel teilweise schlecht recherchiert, und enthält veraltete Angaben, beziehungsweise zitiert veraltete Texte. Er geht auch von zwei falschen Prämissen aus - weder lehnen Transgender generell Psychotherapie ab, noch ist das Ziel eines jeden Transgenders eine genitalangleichende Operation.
Zunächst einmal die präsentierten Fakten: Im Kasten "Der lange Weg zum anderen Geschlecht" steht:
(Für Anträge nach TSG) muß der Antragssteller mindestens 25 Jahre als sein, nicht verheiratet (oder mit Einverständniserklärung des Ehepartner) und dauerhaft fortpflanzungsunfähig (umoperiert).
Diese Aussage ist in allen Teilen falsch. Die Altersgrenze für Anträge nach TSG wurde zunächst 1982 für Verfahren nach §8 (Personenstandsänderung) und dann 1993 für Verfahren nach §1 (Namensänderung) aufgehoben.
Lediglich für Verfahren nach §8 muß der Antragssteller ledig sein - und zwar zwingend. Eine Einverständniserklärung des Ehepartner ist weder für Verfahren nach §1 noch nach §8 erforderlich.
Ebenfalls nur für Verfahren nach §8 ist die dauernde Fortpflanzungsunfähigkeit vorgeschrieben. Diese ist jedoch nicht das selbe wie "umoperiert". "Umoperiert" bezeichnet normalerweise die genitalangleichende Operation, die für Transmänner nicht mehr zwingend vorgeschrieben ist, da die Resultate eher schlecht, die Risiken aber sehr hoch sind. Transfrauen kämpfen ebenfalls seit einigen Jahren dafür, sich für die Personenstandsänderungen nicht mehr zwangsweise diesen doch sehr schweren und risikoreichen Eingriffen unterziehen zu müssen. (Was jetzt aber nichts darüber aussagt, daß viele Transgender dennoch diese Eingriffe benötigen – aber eben nicht alle.)
Es gibt aber eben noch weitere Eingriffe, die nichts mit der Fortpflanzungsunfähigkeit zu tun haben (z.B. die Mastektomie bei Transmännern oder die Epilation bei Transfrauen). Eine dauernde Fortpflanzungsunfähigkeit hingegen kann auch durch die Entfernung der Keimdrüsen erreicht werden, ggf. sogar durch eine gründlich ausgeführte Sterilisation.

Außerdem wird in diesem Kasten unkommentiert auf die "Standards für die Behandlung ..." hingewiesen. Diese Standards sind aber keineswegs unumstritten, auch nicht unter Fachleuten. Allerdings korrigieren bereits Aussagen von "Andrea" einiges, was in den Standards steht und auch in dem Kasten wiedergegeben ist. Eine tiefergehende Auseinandersetzung mit den Standards wäre allerdings wünschenswert gewesen, denn diese sind oftmals völlig inakzeptabel und unrealistisch. Einzelheiten zur Kritik an den Standards finden Sie unter anderem auf www.dgti.org.

Ebenfalls sachlich problematisch ist die unkommentiert hingenommene Aussage, daß alleine Doktor Daverio vernünftige Operationsergebnisse bei der genitalangleichenden Operation erbringe. Für Transfrauen trifft dies schlicht nicht zu, es gibt auch in Deutschland einige sehr gut arbeitende Operateure, und somit kaum einen Grund, sich jahrelangen Streitigkeiten mit den Krankenkassen auszusetzen, die häufig auch nicht erfolgreich sind.
Bei Transmännern ist es tatsächlich so, daß Daverio immer noch die besten Ergebnisse liefert, allerdings gibt es auch dort mittlerweile Operateure, die recht gute Ergebnisse abliefern; so daß auch dort nicht mehr zwangsläufig das Problem der Kostenübernahme für eine Privatklinik auftreten muß.

Was die Prämisse des Artikels angeht - nämlich daß Transgender generell Therapien ablehnen - ist diese Aussage so verkürzt, daß sie falsch ist. Was Transgender in der Tat ablehnen, sind Therapien, die sie von ihrem Wunsch nach dem Geschlechtswechsel abzubringen versuchen. Denn taucht ein Mensch mit dem Wunsch nach dem Geschlechtsrollenwechsel bei einem Therapeuten auf, ist dies fast immer bereits das Ergebnis eines jahrelangen und schwierigen Prozesses, den der Therapeut erst einmal grundsätzlich respektieren sollte. Ansonsten ist ein tragfähiges Arbeitsbündnis in der Tat nicht zu erwarten - das aber wiederum ist wohl verständlich, und kein Leitsymptom für Transsexualität. Übrigens: die entsprechenden zitieren Aussagen von Professor Sigusch sind ebenfalls nicht sonderlich aktuell; teilweise vertritt der diese unseres Wissens heute gar nicht mehr.
Jedenfalls lehnen Transgender eben Therapien keinesfalls grundsätzlich ab, sondern nur solche, die lediglich darauf abzielen, sie davon zu "heilen" – was bekanntlich ohnehin nicht eben ein erfolgversprechendes Unterfangen ist. Ganz im Gegenteil nutzen viele Transgender gerne die Gelegenheit zu einer Betreuung während des Umstiegs; auch wird eine Therapie häufig genutzt, um die - wie bei jedem Menschen - vorhandenen anderen Probleme aufzuarbeiten, denn dies ist, wegen der Belastung durch die Geschlechtsidentitätsstörung, oftmals nicht in dem selben Maße geschehen wie bei Cisgendern (Nicht-Transgender).
Es gibt allerdings in der Tat Fälle von Transgendern, die zu keiner Therapie mehr bereit sind. Dies sind aber fast ausnahmslos Fälle, die bereits etliche Therapiebemühungen hinter sich hatten, und diese bestenfalls erfolglos waren, sehr häufig aber auch erst zu größeren Probleme geführt haben. Diese Transgender sind dann auch nicht mehr in der Lage, ein tragbares Arbeitsbündnis mit irgendeinem Therapeuten einzugehen. Aber auch in diesen Fällen hat dies mit Transgender-Sein ursprünglich nichts zu tun.
Und es besteht generell weniger Therapiebereitschaft bei sehr jungen Transgendern. Allerdings ist dort auch die Notwendigkeit einer Therapie oftmals nicht in dem Maße gegeben wie bei älteren Transgendern; und generell sind Jugendliche und junge Erwachsene unterproportional therapiewillig; in dem Alter setzt man einfach noch andere Prioritäten, was auch erlaubt sein muß.

Was ich ebenfalls etwas vermisse in dem Artikel ist eine tiefergehende Reflektion des Problems der Gutachter in den Verfahren, denn viele der angesprochenen Probleme ergeben sich schon alleine daraus, daß der Gutachter oftmals über das gesamte Leben eines Transgenders zu bestimmen mag (eben durch das Erteilen der Indikation für die medizinischen Maßnahmen und Gutachten für TSG-Verfahren) - was für beide Seiten äußerst problematisch sein kann. Zwar ist das Thema angerissen, aber grade zu diesen äußerst schwierigen Punkt wären weitergehende Ausführungen sehr sinnvoll gewesen.
Zu den zitierten Studien, nach denen bei etwa 30 % der Transgender psychische Störungen diagnostiziert werden, verweise ich übrigens auf den Artikel "Seele umkrempeln witzlos - Transsexuelle brauchen keine Zwangstherapie" zu finden unter http://www.medical-tribune.de/020gesundheit/030mt_bericht/Seele.html


Außerdem möchte ich noch eine Anmerkungen machen:
Die Zahl von 2000-5000 Transgendern in Deutschland ist auf jeden Fall viel zu niedrig gegriffen. Es gibt allerdings keine verläßlichen Zahlen, aber bereits vor 20 Jahren (bei der Schaffung des TSG) ging man von mindestens 7000 aus. Schätzungen variieren seitdem zwischen diesen 7000 und 100.000. Verläßliche Zahlen gibt es leider nicht. Es ist aber auf jeden Fall von einer Zahl im mittleren fünfstelligen Bereich auszugehen, auf die man schließen kann zum einen aus der Erfahrung der Transgender-Gruppen heraus, und auch aus dem Hochrechnen von Zahlen aus den Niederlanden und Dänemark, was durchaus realistische Zahlen ergeben dürfte.

Es gäbe mit Sicherheit noch einiges zu sagen zu dem Artikel, aber dies sind die wichtigsten Dinge. Falls Sie weitere Kommentare oder Ausführungen wünschen, stehe ich dafür aber gerne zur Verfügung.

Der Leserbrief von Tanja Krienen
Der Leserbrief von Frau Krienen löste in den Transgender-Foren, in die er gepostet wurde, zumeist glatte Ablehnung, und auch Hohn und Spott aus. Schockiert waren allerdings viele, als sie feststellten, daß Frau Krienen selber Transgender ist. Eine kurze Recherche im Internet allerdings relativierte dies, da man feststellen muß, daß der Ton, den sie hier anschlägt, noch als gemäßigt gelten muß. Dennoch muß man den Aussage, die sie macht, heftig widersprechen.
Es existieren viel Mären, die im Stadium des psychotischen Hochgefühls unkritischer und/oder wahrnehmungsgestörter Betroffener in so genannten Selbsthilfegruppen im Kollektiv zu kompatiblen Handlungsmustern festgeklopft werden.
In der Tat gab es bis vor einigen Jahren in vielen Selbsthilfegruppen von Transgendern die Tendenz, für "richtige Transsexuelle" ein sehr enges Schema festzulegen, nach dem diese sich zu verhalten hatten, und alle, die nicht in dieses Schema paßten, gnadenlos auszugrenzen. Allerdings stellt sich dann die Frage, wie dies geschehen konnte – und die Antwort darauf lautet, daß diese Schemata nicht ursprünglich von den Betroffenen selber kamen, sondern von den sogenannten "Experten", die als "richtige Transsexuelle" nur Menschen anerkannten, die eben in sehr enge Schemata paßten. (Z.B. hatten Transgender wie selbstverständlich nach dem Geschlechtsrollenwechsel heterosexuell zu sein, und ebenso hatten sie eine vollständige genitalangleichende Operation zu wünschen.) Dieses Bild übernahmen viele Gruppen kritiklos, und übten ihrerseits entsprechenden Druck auf Transgender aus, sich diesen Schemata entsprechend zu verhalten. Dies wiederum führte dazu, daß die "Experten" Transgender mit anderen Lebensentwürfen gar nicht zu sehen bekamen – beziehungsweise eben immer die selben Geschichten erzählt bekamen, egal ob wahr oder unwahr, und so gar nicht feststellen konnten (und oftmals auch nicht wollten) daß diese Schemata viel zu eng gefaßt waren.
Es waren aber die Trans-Organisationen selber, die dieses Problem erkannten, und vor einigen Jahren damit begannen, eine wesentlich größere Offenheit zu zeigen. (Was man leider von vielen "Experten" nicht behaupten kann.) Heute haben nicht mehr die Transgender mit Wiederstand in der Transgender-Szene zu rechnen, deren Lebensentwürfe nicht mehr den alten Schemata entsprechen, sondern eher diejenigen, die diese immer noch aufrechterhalten wollen. Somit trifft diese Aussage von Frau Krienen nur noch auf einen sehr kleinen (und aussterbenden) Teil der Transgender-Gruppen zu.

Die erste ihrer Erfindungen ist das Wortkonstrukt "transidentisch", die zweite die infolge falscher Selbstbestimmung abgeleitete Grössenordnung der Gemeinde von deutlich ueber 100 000 Personen.
Auf das Problem mit dem Wort "transsexuell" wird ja bereits in dem ursprünglichen Artikel eingegangen. Das Wort "transsexuell" schafft nun einmal schlicht Assoziationen zu sexuellen Handlungen und/oder Präferenzen, die mit der Sache selber aber ja nichts zu tun haben. So wurde vor etlichen Jahren das Wort "transidentisch" geprägt, was jedenfalls die Sache schon besser bezeichnet. Allerdings ist auch dieses Wort mittlerweile schon wieder am verschwinden, aus einer Vielzahl von Gründen. Wie Sie eventuell bemerkt haben, wird "transgender" mittlerweile sehr häufig benutzt. Auf dieses Wort einigte sich auch eine Arbeitsgruppe der größeren deutschen Trans-Organisationen. Näheres dazu findet man auf www.transmann.de/transfaq.htm
Wenn Frau Krienen hier die "falsche Selbstbestimmung" kritisiert – und weiter unten, daß es gar keine präzise Selbstbestimmung gegeben habe – dann stellt sich die Frage, was denn die richtige Selbstbestimmung sei? Es steht zu vermuten – aus der jahrelangen Arbeit mit Transgendern – daß die "richtige Selbstbestimmung" mal wieder die der oben angesprochenen sehr engen Geschlechtsrollenschemata ist. Es steht natürlich jedem frei, jeden Begriff und jede Selbstdefinition selbst zu füllen. Für die Arbeit der Transgender-Gruppen allerdings, sowohl die politische als auch die soziale, hat sich folgende Definition bewährt, und so verstehen wir transgender:
Transgender sind Menschen, die ganz oder zeitweilig als Mitglieder des anderen Geschlechts wahrgenommen werden wollen.
Dies ist natürlich eine sehr weite Definition; und nicht jeder Teil insbesondere der politischen Arbeit dient der gesamten Zielgruppe. Dennoch ist diese weite Definition sinnvoll. Vor allem schaffen wir damit selber einen Raum, in dem eben nicht jeder unter Druck gesetzt wird, doch bitteschön "ein/e richtige/r Transsexuelle/r" zu sein, mit allen Konsequenzen die dies nun einmal hat oder haben kann, sondern seinen oder ihren persönlichen Lebensentwurf verwirklichen kann. Denn schließlich wäre es absurd, ausgerechnet ein derartig komplexes Problem wie Transgender auf zwei Lösungen reduzieren zu wollen: Entweder der vollständige Umstieg mit sämtlichen möglichen medizinischen und juristischen Maßnahmen, oder gar nichts außer gelegentlichem Cross-Dressing (wie es die Definitionen des ICD10 nahelegen).

Hier schuf ein Zirkel Identitaetsverunsicherter, seelisch Zerrissener eine neue Kategorie, ohne eine praezise Definition vorzuweisen. Die Betreffenden wissen, dass sie einer klassischen Abbildung transsexueller Psyche und Physis nicht entsprechen und entdecken den Ausgang in das "Transidentische".
Wie ausgeführt ist es richtig, daß viele Transgender entdeckten, daß sie nicht in die klassischen (Abzieh-)Bilder von "Transsexuellen" paßten, und folgerichtig schufen sie eine neue Begrifflichkeit und eine neue - weitere - Identität. Warum man dies allerdings so klingen lassen muß, als seien diese Leute damit in ihrer Identität verunsichert, oder seelisch Zerrissen, ist nun wirklich nicht zu erklären – es sei denn aus dem nicht eben selten Wunsch mancher Transgender, den Weg, den sie gegangen sind, als den einzig richtigen zu definieren, um sich niemals wieder damit auseinandersetzen zu müssen, ob dieser Weg denn wirklich der richtige war. Das mag menschlich verständlich sein. Macht man aber diesbezügliche öffentliche Aussagen, wirken diese häufig nur noch peinlich.

Soweit meine Kommentare. Für eventuelle Nachfragen, oder auch Recherchen zu weiteren Artikeln, stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen




Alexander Regh
(Sprecher TransMann e.V.)