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Interview


Interview mit Melanie aus Frankfurt

Melanie ist 51 Jahre alt, sie lebt seit 1994 als Frau und arbeitet im öffentlichen Dienst. Sie kann unter melandboe@t-online.de kontaktiert werden.


Wann wurde dir klar, daß du anders als andere Jungs bist?
Das erste mal, dass ich was merkte, war mit etwa 6 Jahren! Mein Coming Out war aber erst 1994, als ich 46 Jahre alt war.

Was ist deine erste Erinnerung?

Das heimliche Umkleiden im Sportunterricht in der 1. Klasse. Da zog ich mir heimlich einen Petticoat an. Es war ein ganz tolles Gefühl. Anschliessend hatte ich oft Kleidungsstücke meiner älteren Schwestern an.

Wann und wo hast du das erste Mal etwas über TG gehört?
Im Juli 1994 war auf Pro 7 eine Sendung über Transvestiten und Crossdresser. Ich schrieb anschliessend an den Sender und bekam die Telefonnummer einer TV-Gruppe in Frankfurt. Dort rief ich an und kam es einige Tage später zu einem Treffen. Da gehe ich heute noch hin.

Empfindest du deine Veranlagung als Fluch oder als Segen?
Weder noch. Ein Fluch ist es bestimmt nicht, aber ich kann auch nicht sagen, dass es ein Segen ist. Ich habe mich damit abgefunden. Es ist schön, wie ich jetzt als Frau lebe. Es ist aber immer noch mit vielen Problemen behaftet.

Überwiegt das Glücksgefühl oder die Scham?
Welche Scham? Das bisschen was ich noch habe, brauche ich dringend! Glücksgefühl ist es auch nicht. Ich freue mich über meinen neuen Körper, lebe es voll aus, als Frau zu leben. Das heisst, ich gehe auch mal in Gammelklamotten ungeschminkt raus, ein anderes Mal kann es nicht vornehm genug sein.

Hat sich dein Gefühl/deine Einstellung in den letzten Jahren geändert?
Total. Unter dem Einfluss der Hormone bin ich noch sensibler geworden, als ich schon vorher war. Ich komme auch wegen kleinster Kleinigkeiten an den Rand der Tränen oder darüber hin-aus. Meine Einstellung aber hat sich nicht geändert. Ich glaube, dass ich schon immer diese Einstellung hatte. Ich konnte es zum Beispiel nie nachvollziehen und noch weniger verstehen, wie Männer so über Frauen herziehen. Das war es, was mich schon immer am "Männlichsein" abgetörnt hat.

Was würdest du heute anders machen als vor zum Beispiel 10 Jahren?
Nichts!! Ich bin froh, dass ich mein Coming Out erst so spät hatte. Die OP-Methoden waren vor 10 Jahren noch sehr schlecht. Heute bin ich orgasmusfähig und nutze es auch oft aus. Ich kenne Frauen, die vor 10 Jahren oder länger operiert worden sind. Keine ist davon orgasmusfähig. Auch heute gibt es dafür keine Garantie. Bei mir war es Glück. Ich hatte mit dem Heilungsprozess keine Probleme.

Was bedeutet für dich Mannsein/Frausein?
Das Mannsein war das letzte was ich brauchte. Ich muss aber ehrlich zugeben, dass ich das eine oder andere schon mal genossen habe. Ich hasse die Männer im allgemeinen. Ich habe noch fast keinen ehrlichen Mann kennengelernt. Die denken doch - Verzeihung - nur mit dem Schwanz. Es gibt aber auch einige wenige, die ich gut finde.

Wann hast du dich zum ersten Mal einem anderen offenbart? Und wem? Wie war die Reaktion?
Ich habe es total rücksichtslos gemacht. Ich bin als Frau (Mann im Rock!!!) zur Arbeit gegangen. Die Kollegen haben blöd geschaut und ich sagte nur, dass das mein neuer Kleiderstil ist. Die haben nur gesagt, dass ich nun völlig ausgeflippt bin. Einen weiblichen Namen hatte ich mit zu diesem Zeitpunkt noch nicht ausgesucht. Sie gaben mir alle möglichen Namen, die ich aber alle ablehnte. Die waren an meinem männlichen Namen angelehnt. Anschliessend - im August- bin ich als Mann im Rock nach Malta geflogen. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich mit meinen Gefühlen noch nicht viel anzufangen. Ich hätte jedem gesagt, der mir prophezeite, dass ich mal Frau werden kann, dass er spinnt. Erst im September 1994 sagte mir ein Transvestit - ich weiss nicht mehr in welchem Zusammenhang – "Du bist doch nur Transvestit und keine Transsexuelle." Meine Antwort kam ohne gross nachzudenken: "Bist du Dir da ganz sicher?" Da machte ich mir zum ersten Mal Gedanken, was ich denn nun wirklich war. Ich wusste es wirklich nicht, ich wusste nur wie ich dachte und fühlte. Ich hatte meine Pläne also niemanden vorher gesagt, sondern alle mit dem weiblichen Outfit überrascht.

Ganz schön mutig, einfach als Frau zur Arbeit zu gehen. Warst du davor schon oft als Frau unterwegs
?
Nein, ein bis zwei Monate vor meinem Coming Out auf der Arbeit war ich nur im Dunkel der Nacht unterwegs, so dass ich von niemanden erkannt wurde. Das erste Mal habe ich mich im Urlaub 1994 rausgetraut. Ich war im Mai zwei Wochen im Wohnwagen an der Mosel und in Luxemburg unterwegs. Dort, fern der Heimat, habe ich das Bewegen im weiblichen Outfit in der Öffentlichkeit probiert. Zu Hause ging es dann vorsichtig, meist aber nur in der Nacht weiter.

Kannst du dich als Frau akzeptieren? Akzeptiert dich deine Umwelt in der Frauenrolle?
Ich kann mich voll akzeptieren. Meine Umwelt - geteilt. Viele beachten mich nicht, was gut ist. Aber die Kinder..... sie merken es. Hauptsächlich sind es die Ausländerkinder. Schon die kleinen Mädchen im Alter von etwa fünf Jahren fragen plötzlich ihre Eltern. Ich hatte da ein schönes Erlebnis: ich hatte einen Einsatz auf einem U-Bahn-Bahnsteig. Da war ein Vater mit seinen zwei Töchtern im Alter von etwa sieben bis neun Jahren. Eine der beiden fragte mich: "Bist Du Mann oder Frau?" Ich sagte ihr, dass ich mal ein Mann war und nun eine Frau bin. Die Kleine sah den Vater ungläubig an. Er bestätigte, dass so etwas möglich ist. Sie sagte, dass sie lieber ein Mädchen sei. Und zum Vater sagte sie: "Papa, wenn du eine Frau wirst, schaue ich dich nicht mehr an." Alle lachten. Das mit dem Aufklären in dieser Art mache ich aber selten und nur wenn Eltern dabei sind.

Wie fandest du dich als Mann?

Nicht gut. Ich musste damit aber zurecht kommen.

Hast du Vorbilder?
Nein.

Was war die schönste Situation?
Ich hatte mir im Kaufhaus eine Perücke gekauft und auch gleich aufbehalten. Danach bin ich in die Miederabteilung und habe mir einen Tanzgürtel (Strumpfhalter) gekauft. Beim Bezahlen fragte ich die Frau an der Kasse, ob ich ihn gleich anziehen könnte. Sie rief durch den Saal - Mathilde (oder wie die hieß), die Dame zieht den Gürtel gleich an, er ist bezahlt. Ich war total stolz, als Frau eingestuft zu werden. So ähnlich ging es dann weiter. Wie zum Beispiel "Bedienen sie die Dame zuerst". Oft musste ich erst überlegen, dass ich gemeint war.

Was war der peinlichste Moment?

Gibt es soweit ich mich erinnern kann keinen.

Welche Bedeutung hat das Internet für dich?
Eine sehr hohe. Es gibt mir die Möglichkeit, Frauen oder andere Betroffene kennen zu lernen. Das nutze ich auch weidlich aus. Leider habe ich noch nicht den Erfolg, den ich mir wünsche.

Wann warst du das erste Mal etwas einkaufen? Wo? Was hast du dabei empfunden? Was hast du gekauft?
Die Frage kann ich eigentlich nicht so beantworten. Da ich fast mein ganzes Leben schon weibliche Wäsche gekauft habe, ist so ein Moment also nicht auszumachen. Wo ich mich dazu überwunden hatte - in verdammt kurzer Zeit übrigens - bin ich auch so zum Einkaufen gegangen. Es wurde nur dumm geschaut, es kamen aber wenige Bewertungen und Kommentare.

Beschreibe deinen Kleidungsstil
So wie eine 51 Jährige Frau nicht rum läuft!! Ich trage trotz meiner 100 Kilo Minirock, T-Shirt, auch mal moderne Kostüme, mal Jeans. Alles was eine 25-jährige schlanke Frau anzieht. Sieht manchmal komisch aus. Ist mir aber egal.

Hast du sexuelle Fantasien? Kannst du dir vorstellen, mit einem Mann etwas zu haben?

Jede Menge. Auch mit Männern kann ich mir etwas vorstellen. Ich habe ja schon entsprechende Kontakte gehabt. Es waren Männer, die ich mir aussuchte - einmal Sex und adieu. Ich habe aber nie Zärtlichkeiten und Küsse zugelassen. Dafür brauche ich Frauen. Aber eine feste Partnerschaft - ich weiss nicht so recht. Ich kann es jedenfalls nicht ausschliessen.

Kannst du Frau-zu-Mann-Transsexuelle verstehen?
Ja natürlich - ich kann mir sogar da eine feste Partnerschaft vorstellen. Ich hatte vor zwei Jahren einen süssen Typ kennengelernt. Wie ein Omnibus: Kommt er endlich angewetzt, ruft der Schaffner: "Schon besetzt". Also leider vergeben. Mit dem hätte ich mir schon eine Hochzeit vorgestellt. Er ist so richtig lieb und süss. Schade - vergessen.

Hat sich durch TG deine Gefühlswelt verändert? Siehst du Männer und Frauen mit anderen Augen?
Ich glaube nicht. Da ich schon mein ganzes Leben so in etwa wie eine Frau gelebt hatte, war eine Veränderung nicht groß festzustellen. Für mich waren die Männer schon immer Schweine. Nicht mehr und nicht weniger.

Wie stellst du dir deine Zukunft vor?

Das weiss ich ehrlich gesagt auch nicht. Ich würde gerne mit einer netten Frau oder einem F-z-M-Mann zusammenleben. Ob ich mal einen netten Mann kennenlerne - ich glaube es nicht. Möglich ist alles.

Was sind deine Wünsche, was deine Ängste?
Wünsche wie vorherige Frage. Ängste: dass ich meine Arbeit verliere. Dass ich immer alleine bleibe. Ich habe Angst vor der Einsamkeit. Als TS bist du ein Nichts! Kein Mann - keine Frau - Keine Lesbe! Ich bin da so etwas zwischen den Welten. Ich freue mich über meinen neuen Körper und genieße jeden Moment. Ich bekomme die Anerkennung als Mensch. Alle sagen, dass ich viel Mut bewiesen habe. Aber wenn es dann dazu übergeht, dass ich eine Partnerschaft anpeile, kneifen alle. Viele Frauen wollen auch mal Sex mit mir. Danach sagten sie aber alle, ich wollte nur mal sehen, wie eine TS im Bett ist. Nur durch die Tatsache, dass es schön war, war die Enttäuschung nicht so groß. Trotzdem war es gemein. Oft ist dann auch die aufkeimende Freundschaft in die Brüche gegangen.

Was denkst du, sind die größten Hindernisse?
Allgemein gesehen: Die Umwandlung vom Mann zur Frau ist ein sozialer Abstieg. Es ist kaum zu glauben in dieser Zeit. Ich habe es zu spüren bekommen, dass eine Frau noch lange nicht gleichberechtigt ist. Die erste Reaktion meines Abteilungsleiters, als ich ihm meine Absicht mitteilte, eine Frau zu werden: "Da können wir ihnen weniger bezahlen!!!!" Er hat es erreicht, das ich nun brutto etwa 300 DM weniger habe! Das größte Hindernis ist mein Abteilungsleiter! Er will mir die Kündigung aussprechen. Das heisst für mich, nie mehr Einkommen durch Arbeit und Verlust der Dienstwohnung. Eine transsexuelle alte Frau nimmt niemand mehr.


(Das Interview wurde im Februar 2000 geführt.)