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Interviews, Berichte & Meinungen
Mein Leben nach meinem "Coming-out"- oder lebe Deinen Traum

Ein Beitrag von Nicole


Hallo,
im folgenden möchte ich ein wenig von meinen Erfahrungen nach meinem
"Coming-out" berichten (eigentlich mag ich dieses Wort nicht, da es m.E. zur
kurz "greift", aber mir ist noch kein besseres eingefallen). Doch zuerst
möchte ich mich kurz vorstellen. Name als Frau ist Nicole, bin 41 Jahre und
ein Transvestit, oder besser gesagt eine "Drag Queen". Ich lege viel Wert auf
extravagante Kleidung bzw. auf ein extravagantes "outfit". Ich wohne in
Ostwestfalen - genauer in Bielefeld.

Schon seit meiner frühesten Jugend stehe ich auf Frauenkleider. Während
meiner Pubertät habe ich mich immer wieder in den Schränken meiner Schwerster
und meiner Mutter bedient, wenn ich alleine zu Hause war. Später dann kaufte
ich mir die ersten Frauensachen, die ich dann nach einmaligen Tragen wegwarf.
Diffuse Schuldgefühle trieben mich mehr als einmal zu einem solchen
Verhalten. Über Jahre war ich überzeugt, meine Neigung einfach in den
Abfalleimer entsorgen zu können. Mein Verdrängungsmechanismus funktionierte -
bis auf Ausnahmen - über Jahrzehnte relativ gut. Doch dann kam der Zeitpunkt,
wo meine Psyche nicht mehr so ganz "mitspielte" und der Wunsch mich
mitzuteilen, immer stärker wurde.

Allein das Leben meiner "Traumvorstellungen" konnte den realen Wunsch nach
verbaler und visueller Präsentation nicht mehr kompensieren. Da kam es mir
nur gelegen, als vor ungefähr drei Jahren meine damalige Freundin und jetzige
Frau mich bei einem "Rollentausch" überraschte. Endlich hatte ich mein
ungewollt-gewolltes "Coming out", wo nach ich mich jahrelang gesehnt hatte.

Ihre Reaktion überraschte mich völlig. Es traf nicht ein, was ich mir
vorgestellt hatte! Keine Vorwürfe, kein sozialer "Ausschluß", sondern
Verständnis, Akzeptanz, und Toleranz. Durch ihr Verhalten hat sie mir nicht
nur die Angst genommen, sondern mir auch weiterhin Mut gemacht, mich auch
meinen Freunden und Bekannten mitzuteilen. Und siehe da, auch bei ihnen gab
es keine "soziale Diskriminierung", sondern Zustimmung und verbalen
"Beifall", für den von mir aufgebrachten Mut, an die Öffentlichkeit zu gehen
- mich so darzustellen wie ich auch noch bin.

Wenn ich heute hin und wieder über diese Phase nachdenke, frage ich mich
manchmal, warum ich mich nicht früher zu diesem wichtigen Schritt
entschlossen habe, warum ich mich selber eingeengt und angepaßt habe. Ich
denke, die Antwort liegt relativ nah: ein "Coming-out" bedeutet immer
Tabubruch und der ist untrennbar verbunden mit der Suche und - letztlich -
mit dem Betreten neuer Wege. Keiner kann sagen, wie das "Neuland" aussieht
und wann man sich vernünftig darauf bewegen kann. So kann u.a. soziale
Isolierung und eine ausgeprägte Existenzkrise durchaus die Folge eines
Tabubruches sein. In diesem Zusammenhang möchte ich hier kurz erwähnen, daß
es noch vieler Tabubrüche bedarf, damit die freie Wahl der Identität
gesellschaftlich anerkannt wird.

Was habe ich bis heute erreicht und was ist das (vorläufige) Ergebnis? Durch
das "outen" meiner "Fummelgeschichten" hat sich mein Leben positiv verändert.
Ich muß mich nicht mehr vor mir und vor anderen Menschen verstecken. Ich muß
mir keine "Lügengeschichten" mehr überlegen und vor allem, ich kann mein
Leben leben, mit all den Eigenschaften, die ich früher nicht ausleben konnte.
Dennoch gehört für mich heute immer noch Mut dazu, "outdoor" zu gehen. Aber
die Freiheit dies zu tun, wann und sooft ich es möchte, habe ich mir
erarbeitet. Das ist ein Ergebnis, daß mir niemand mehr wegnimmt.

Aber auch noch andere positive Veränderungen sind durch die
"Veröffentlichung" meines "zweiten Ich" eingetreten. So bin ich z.B.
gegenwärtig dabei, in Bielefeld einen Treffpunkt für TV´s und Gleichgesinnte
auf die "Beine" zu stellen. Auch dies ist eine weitere positive Auswirkung
meines neuen Selbstvertrauens.

Hinweis:
Interessierte Menschen aus Bielefeld oder Ostwestfalen, die Interesse am
Aufbau eines "Treffpunktes" haben, sind herzlich eingeladen, mit mir über
meine e-mail-Adresse (nicoledragqueen@aol.com) Kontakt aufzunehmen.