transgender-net.de
[Leute] [Bücher] [Filme] [Musik] [Leben] [Prominente] [Beauty] [Medizin]

[Recht &Politik] [Einkaufen] [Ausgehen] [Gruppen] [Datenschutz] [Wir über uns|

HOMEPAGES | BILDER | INTERVIEWS | LINKLISTEN


Interviews, Berichte & Meinungen
Sind TransVestiten frauenfeindlich?

Ein Beitrag von Pia York


Vor ein paar Wochen war ich ausnahmsweise mal allein "unterwegs". In einer Kneipe, die ich recht gern ab und an mal besuche, kam ich am Ende des Tresens ganz zufällig neben einer (Bio-)Frau zu stehen. Wir gerieten ins Gespräch, und aus Small-Talk wurde dann schnell heftiger Streit.

Letztendlich ging's darum, ob denn TransVestiten durch ihre Kleidung das Selbstwertgefühl von Frauen in Frage stellen. Meine Nachbarin warf uns pauschal vor: "Ihr TransVestiten, zumindest eine ganze Reihe von euch, ihr konterkariert durch eure erotische Kleidung die erreichten Ziele der Frauenbewegung. Ihr macht euch zum Werkzeug der patriarchalen Gesellschaftsordnung."

Es stellte sich heraus, dass meine Kneipen-Nachbarin engagierte Feministin war. Sie lehnte rundweg alles ab, was an Frauen als "weiblich-feminin" gelten konnte. Und natürlich lehnte sie auch alles "männliche" ab. Mit heftigen Worten bekam ich zu hören, dass ich als TransVestit sie in ihrem weiblichen Selbstverständnis angreife. Der feministische Vorwurf lautete: "Ihr seid Männer, und nun wollt ihr auch noch weibliches Terrain aus eurer partriarchalischen Sichtweise vereinnahmen."

Vor allem "erotisches" Outfit war meiner Gesprächspartnerin ein rotes Tuch. Vehement ver-wahrte sie sich dagegen, jemals Strapse anzuziehen oder Pumps oder ein tiefes Dekolletée zu zeigen. Verona Feldbusch stufte sie als völlig frauenfeindlich ein.

Darauf hin versuchte ich einzuwenden, dass mir dies doch als recht enge Sichtweise erscheine, und dass ihr als Frau doch eine Menge Spass entgehe. Aber da standen politisch-ideologische Abgründe zwischen ihr und mir, Blickwinkel und Handlungsmuster standen konträr gegeneinan-der. Da ließ sich keine Brücke bauen.

Seit ungefähr fünf Jahren bewege ich mich nun als TransVestit – oder eigentlich eher als Drag-Queen -- mehr oder weniger ungezwungen in der Öffentlichkeit. Da habe ich schon oft interes-sante Gespräche mit Bio-Frauen geführt und dabei Erfahrungen sammeln können, und diese -- wenn meinem Welt-bild angemessen -- in meine Denk- und Handlungswelten einbauen können.

Während all dieser Gespräche habe ich nie bemerkt, dass ich als TransVestit das Selbstverständ-nis meiner Gesprächspartnerin auf die Probe gestellt, geschweige denn negative Spuren in deren Phyche hinterlassen hätte. Und dies liegt -- wage ich zu behaupten – mit Sicherheit nicht daran, das meine Wahrnehmung nicht richtig justiert ist. Ich sehe den Grund dafür vielmehr in der Tat-sache, dass es sich bei meinen Gesprächspartnerinnen durchwegs um aufgeschlossene und eigenständig denkende Frauen handelte.

Sicher, es gab in der Vergangenheit auch Gespräche mit Frauen, die so dachten wie meine femi-nistisch indoktrinierte Kneipen-Bekanntschaft. Natürlich kenne ich die gesellschaftliche Situa-tion in unserem Land und ich weiß, das TransVestitismus immer noch ein Tabu-Thema für die meisten Feministinnen ist. TransVestiten als "Schein-Frauen" und auch TransSexuelle als "ge-wordene Frauen", die aber männlich sozialisiert sind, werden seitens Feministinnen der "reinen Lehre" rundweg ausgegrenzt.

Und dann sind wir TransVestiten auch noch so "frech" und satteln noch eins drauf, indem wir sehr gerne unser Streben nach Weiblichkeit durch Accessoires wie Naht-Nylons, Strapse und hochhackige Pumps zum Ausdruck bringen -- Accessoires, die (aus feministischer Sicht) den Frauen von Männern aufoktroiert wurden und die damit als Unterdückungs-Symbole für die Herrschaft des Mannes über die Frau in die Feminismus-Theorien Eingang gefunden haben. (Beispiel: Durch das Tragen von hohen Pumps werden Frauen unsicher beim Gehen. Das kommt dem Mann nur recht, denn so kann er verstärkt seine Rolle als Beschützer der Frau ausleben.) Was vor zwanzig Jahren als Argument für die Unterdrückung der Frau durch den Mann gut war, muss sich im Zusammenhang mit TransVestismus heute sehr in Frage stellen lassen.

Wie dem auch sei -- ob nun aus ideologischen oder etwa aus purtanischen Gründen -- fest steht jedenfalls, dass wohl kaum an Kleidungsstücken Unterdrückungsmechanismen festzumachen sind. Daher mein Zwischenruf: "Hallo, aufwachen, die Zeit der Konfrontation und des Geschlechter-Kampfes ist vorbei !" Eigenständig denkende Feministinnen sollten heute sagen: "Ich habe verstanden und mich weiterentwickelt. Zickig ist hipp und Ausdruck eines neuen weiblichen Selbstwertgefühls! Dank an die Vordenkerinnen, aber die Zeit ist reif für einen Paradigmenwechsel."

Ich für meinen Teil könnte ohne Nylons und Strapse gar nicht leben. Es ist einfach ein irres Ge-fühl und vermittelt mir eine ganz andere Form von Körperbewußtsein und Sinnlichkeit. Und viele Frauen erleben das ebenso -- ganz und gar ohne sich dabei "unterdrückt" zu fühlen. So also frage ich mich allerdings: "Was bitte soll daran frauenfeindlich sein?" Wir TransVestiten zeigen unsere weibliche Seite (und hoffen darauf, dass sie so noch stärker zur Geltung kommt) zuweilen durchs Tragen von Kleidungsstücken, die gelegentlich auch erotische Wirkung haben.

Natürlich hat Kleidung stets auch eine ganze Menge mit Erotik zu tun, ob Minrock, PushUp-BH, hohe Absätze, enger Pulli, taillenbetonender Gürtel oder verführerische Dessous. Wenn eine Frau damit nicht gut klarkommt, sollte das eigentlich nicht das Problem der TransVestiten sein. Soll heißen: Wir sollten uns unser Leben so gestalten, dass wir damit relativ zufrieden sind.

Wozu die ganze Aufregung auf beiden Seiten? Die Welt ist doch so schön um an ihr nur herum-zunörgeln und betrübt durch die kurze Lebensspanne zu schlurfen. Laßt uns das Leben genie-ssen, denn alles Gegenteilige macht nur verbittert und häßlich! Ich lebe jedenfalls sichtbar meine Vorstellungen meiner weiblichen Seite aus. Dass manche Frauen damit nicht zurecht-kommen, das ist ja bekannt. Genug leidvolle "Beziehungs-Dramen" ergeben sich daraus.

Die "Neue Weiblichkeit" hat schon lange ihre ideologischen Dogmen abgeworfen. Die meisten Frauen sind heute selbstbewußt genug, um für sich selber indivduelle Verhaltens- und Hand-lungsmuster festzulegen. Hier hat auch der Bereich Kleidung und der Umgang damit seinen fe-sten Platz. Also aufgepaßt Mädels: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!

Natürlich sind die Reibungsflächen zwischen Feministinnen und TransVestiten unübersehbar -- aber die Probleme bestehen nicht, weil es TransVestiten gibt die frauenfeindlich sind, sondern weil es ideologisch dogmatisierte Frauen gibt, die mit den "ScheinFrauen" so ihre Probleme haben. Die meisten TransVestiten sind meinen Beobachtungen nach ganz gewiss weniger frauen-feindlich als die Verehrerinnen von Frau Schwarzer oder die Verfechterinnen des "Hardcore-Feminismus".

"We are all different and beautiful" -- warum kann das nicht für jede und jeden ganz individuell Gültigkeit haben. Jede und jeder steht zu sich selbst, unterwirft sich weder Einheits-Haarschnitt noch Kleidungs-Stereotypen. Und TransVestiten sind weder frauenfeindlich noch eine Gefahr für die Errungenschaften der Frauen-Bewegung -- auch dann nicht, wenn sie sich weiblicher ge-ben als viele ("Bio-)Frauen selbst. Alle können und sollen doch bitte möglichst selbstverständlich und selbstbewußt das eigene Leben leben. Was bitte soll der "Kampf" denn Gutes bringen?