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Interviews, Berichte & Meinungen
Warum finden Transvestiten so wenig Akzeptanz?

Ein Beitrag von Pia York


Transvestiten lösen bei vielen Menschen unterschwellige Ängste aus. Weiterhin wird Transvestit zu sein und schwul zu sein in einen Topf geschmissen. Ebenso wird häufig auch Transvestit und Tunte als gleich-bedeutend miß-verstanden. Da ist noch viel an Informa-tion zu leisten. Aber andererseits erwarten auch Transvestiten immer wieder zu viel: Auf Anhieb und absolut selbstverständlich wollen sie die "Liebe" und die uneingeschränkte Ak-zeptanz von allen, denen sie begegnen. Etwas mehr Geduld und Verständnis für die ande-ren ist da häufig durchaus angebracht.

Transvestiten passen in Deutschland derzeit in kein gültiges Gesellschaftsschema. Diese Tatsache läßt sich auch wohl nicht durch zunehmende Werbe-Auftritte von Transvestiten außer Kraft setzen. In diesem Zusammenhang sei hier an die Spots von Ikea "Entdecke die Möglichkeiten", an die Klamauk-Werbung mit der am Steuer des neues Seat zum Macho mutierenden Drag-Queen, und an die für West-Zigaretten posierende Bizarr-Transe erinnert. Diese Werbepräsentationen werden die Einstellungen der Gesellschaft nicht umdrehen können. Woran aber liegt es, dass die gesellschaftliche Akzeptanz speziell für Transvestiten immer noch so ge-ring ist? Aus meiner Sicht kommen hier gleich mehrere Faktoren zum Tragen. Es vermengen sich Wirkkräfte sowohl aus dem gesellschaftlichen Bereich, wie auch aus dem eigenen Verhalten der Transvestiten.

Zu den elementaren Regeln einer Gesellschaft ge-hört es, dass es Männer und Frauen gibt und das diese - innerhalb der Gesellschaft - unterschiedli-che Rollen wahrnehmen. Auch wenn geschlechts-spezifische Rollen kein Naturgesetz darstellen, gibt es wahrscheinlich nichts, was ähnlich wie die klare und eindeutige Geschlechter-Polarisierung einen derart starken Einfluss auf die Gesellschaft an sich und deren sozialen Umgang gemäß allgemein akzeptierter Spielregeln hat.

Dieses gesellschaftlich determinierte Rollenver-ständnis ist es, was für Transvestiten das Leben manchmal nicht ganz einfach macht. Au-ßerhalb der Trans-Szene sind nur wenig Menschen anzutreffen, die nicht irritiert waren, wenn sie auf Transgender treffen, die sie nicht mit klarer Sicherheit den Kategorien "Mann" oder "Frau" zuordnen können. "Dazwischen" leben und in ihrer Nicht-Eindeutigkeit auch öffentlich auftreten, entsteht erheblicher Erklärungsbedarf, der darauf beruht, dass Transvestiten mit ihrem Tun in den Augen der Betrachter an den "Grundfesten" des gesellschaftlichen Miteinanders kräftig rütteln.

Eine weitere gesellschaftliches Determinante ist der sogenannte "erste Eindruck": Jeder Mensch nimmt zuerst über die Augen ein "Bild" wahr, und vergleicht dann diese Eindrücke mit seinem individuellen "Archiv", in dem er sich eine begrenzte (überschaubare) Anzahl von "Schubladen" zurechtgelegt hat. Wird keine passende "Schublade" gefunden, wirkt dies für die meisten Menschen mindestens irritierend, für viele auch beängstigend. Die meisten Aussagen von Transvestiten über sich und ihr Tun lassen sich in einer relativ identischen Formulierung wiedergeben: "Ich bin ein Mann - und das bin ich auch gerne - der dennoch hin und wieder seine weibliche Seite auslebt" Eigentlich ein sehr gute verbale Brücke, um anderen Menschen kurz und treffend zu vermitteln, was man als Transvestit darstellt und wie man sich versteht.

Was aber kommt bei den "ErklärungsempfängerInnen" an? Sie nehmen diese Erklärung wortwörtlich und versuchen sie in ihre "inneren" Schubladen zu packen. Dabei finden sie aber keine abschließende Zuordnung und so bleiben Transvestiten für die meisten Menschen irgendwo "zwischen den Stühlen" – also in einer Art von Niemandsland.

Dabei kommt es dann allerdings auch noch darauf an, wie persönlich wichtig ein Transvestit seinem Gegenüber gerade ist. Die Suche nach Einordnung stellt nämlich durchaus einen erheblichen mentalen wie psychischen Kraftakt dar. Da geht es teilweise an die Balance von i9nneren Ordnungs- und Wert-Systemen. Dies ist nicht so ganz einfach – das erleben auch Transvestiten selbst, die über sich und ihr Tun bewußter Nachdenken. Auch für Transvestiten ist es ein oft recht anstrengender (und zu-weilen auch langwieriger) Prozess, zu einem "stimmigen" (also "scharfen" Bild) von sich selbst zu gelangen. Für viele ist diese "Selbst-Findung" nach Jahren noch nicht zu Ende. Im Grunde genommen also können Transvestiten recht lebhaft nachvollziehen wieviel an Kraft und Zeit erforderlich ist, um die mit dem Transvestitismus verbundenen Wahrnehm- und Erlebnisdimensionen zu erfassen und verar-beiten. Dennoch aber erwarten Transvestiten dann oft, dass andere mit viel Ver-ständnis und Sympathie auf sie reagieren – und sie reagieren dann enttäuscht, wenn ihr Weltbild nicht vom Fleck weg vom Gegenüber angenommen und geteilt wird.

Die mit Transvestitismus verbundenen Probleme unterscheiden sich also nicht grundlegend von den Problemen im Zusammenhang mit anderen Ungewöhnlichkeiten und Neu-Erlebnissen. Was den Umgang in der Gesellschaft in den meisten Fällen so prekär macht, ist die indivi-duelle Anspruchshaltung der Transvestiten, frei nach dem Motto "ich erwarte, das meine Umwelt meine Sicht der Dinge teilt - und zwar sofort".

Wie dem auch sei, es wird immer wieder Menschen geben, die mit Transvestiten an sich und mit deren Ansichten, deren Lebensformen, deren Zielen und Gestaltungs-Willen nicht am Hut haben wollen - aus welchen Gründen auch immer. Auch Transvetiten sollten einfach mal anfangen zu akzeptieren, das sie in einem hochkomplexen gesellschaftlichen System leben, das von Vielfalt geprägt ist, auch bei Ansichten, auch in der Toleranz und Akzeptanz.

Soll dieses hochkom-plexe System, das für Transgender bislang ziemlich viele Vorteile gebracht hat, nicht "aus dem Tritt" geraten, so scheint es für Transvestiten durchaus sinnvoll, sich einfach mal vor Augen halten, was sie bisher schon alles erreicht haben:
- Ein Netz von Gruppen und Treffs hat sich quer über Deutschland ziemlich geschlossen entwickelt.
- Auf den Straßenfesten der Queer-Szene sind Transgender fester Bestandteil des bunten Bildes.
- Zu politischen und auch zu gesellschaftlichen Veranstaltungen werden mancherstadts auch Vertreter/innen der Trans-Szene bereits völlig selbstverständlich eingeladen.
- Eigene Zeitschriften und Informationsblätter entstehen, Dutzende von Foren im Internet sind lebhaft frequentiert - auch von nicht Transgender-Menschen
- Manche Transgender-Interessengemenischaften (zum Beispiel Bielefeld, Münster, München und Berlin) ma-chen aktive Öffentlichkeitsarbeit, veranstalten öffentliche Parties und Tagungen.
- Transvestiten können sich inzwischen vielerorts auch relativ frei in der Öffentlichkeit bewegen, sofern sie gewisse Minimal-Standards beachten, zum Beispiel keine "Erregung öffentlichen Ärgernisses" durch anstößige Kleidung und natürlich keine unsittlichen Auftritte oder Handlungen.

Mag sein, dass Transvestiten es vielleicht nicht sofort schaffen werden, dass rundum alle "unbeteiligten" Menschen sofort ihre lange eingeprägten und oft tiel verwurzelten innersten Überzeugungen über Bord werfen und auf der Stelle den einzelnen Transvestiten, dem sie begegnen (oder am besten mit ihm auch gleich die Gesamtheit aller Transvestiten) in ihr herz schließen.

Die meisten Menschen werden recht unerwartet und unvorbereitet zum ersten Mal mit einem Transvestiten persönlich konfrontiert. Da kommt es dann durchaus drauf an, ihnen eine faire Chance zu geben. Daran können und sollten Transvestiten ebenfalls arbeiten, erst bei sich und dann erst bei den Erwartungen an die anderen.