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Offener Brief an die famlienpolitische Sprecherin der PDS-Bundestagsfraktion zum Thema "Transgender und Arbeitsmarkt"

(20.01.2002) Leider ist es gegenwärtig so, das sich alle Bundestagsfraktionen sich nicht mit Ruhm bekleckert, wenn es um die Belange von Transgender geht. Weder die SPD-Fraktion noch die Fraktion der Grünen haben sich bislang in ausreichender Form dieser Thematik angenommen; ganz zu schweigen von der Fraktion der CDU/CSU sowie der FDP. In diesem Zusammenhang ist zu konstatieren, das sich bis heute als einzige Bundestagsfraktion PDS-Bundestagsfraktion dieser Thematik, mit ihrer familien- und genderpolitischen Sprecherin Christina Schenk angenommen hat, die auch schon dazu mehrere "Kleine Anfragen" und "Große Anfragen" zur Thematik "Transsexualität" an die Bundesregierung gestellt hat.
Da also die Bundesregierung keine Ansprechpartnerin und keinen Ansprechsprechpartner für die Probleme von Transgender hat, richtet sich der offene Brief daher folgerichtig an die Genderpolitische Sprecherin der PDS-Bundestagsfraktion. Der Themenschwerpunkt des offenen Briefes bezieht sich auf den Bereich "Transgender und Arbeitsmarktpolitik".


Liebe Frau Schenk,
mit Freunde habe ich zur Kenntnis genommen, das Sie sich im Bundestag für die Belange von Transgender-Personen einsetzen. Doch bevor ich näher auf mein Thema eingehe, möchte ich unserer Gruppe und deren Ziele kurz vorstellen: Die TRANSGENDER-GRUPPE BIELEFELD ist eine "offene" Interessengemeinschaft von Transvestiten, Transsexuellen, Drag Queens, Crossdressern, Bio-Frauen und Menschen, die gerne mit uns zusammen sind. Wir wollen unser Anderssein leben, ausgehen, Parties feiern, Spaß haben, Klönen, gemeinsame Interessen fördern, bei "Startschwierigkeiten" behilflich sein und uns in der Öffentlichkeit präsentieren.

Wir wollen der Öffentlichkeit zeigen, dass "Transgender-Personen" Menschen sind "wie Du und Ich" und dass sich ganz normale Existenzen hinter der weiblichen Fassade verbergen. Weiterhin wollen wir der "veröffentlichten" Meinung entgegen treten, das sich die meisten Transgender-Personen prostituieren müssen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Über eine aktive Öffentlichkeitsarbeit, wie z.B. durch die Erstellung der eigenen Zeitung "Make-up", Mailings und Pressemitteilungen, wollen wir über Transvestismus, Transsexualität und verwandte Formen aufklären, Diskriminierungen abbauen und gesellschaftliche Akzeptanz erreichen.

Nun aber zu meinem Thema bzw. Vorschlag: So weit ich informiert bin, gibt es eine relativ hohe Zahl von Transgendern, die von Arbeitslosigkeit betroffen oder zumindest bedroht sind. In diesem Zusammenhang möchte ich hier kurz anmerken, dass es meines Erachtens zu diesem Thema keine wissenschaftlichen Untersuchungen gibt. So kann nur angenommen werden, das sich die Ursachen für Arbeitslosigkeit u.a. auf Unverständnis und Unsicherheit beim Arbeitgeber beziehen, wenn sich eine Person als Transgender "geoutet" hat bzw. auf soziale und kulturelle Diskrepanzen.

Wie dem auch sei! Fakt ist jedenfalls, dass es relativ häufig vor kommt, das transidentische Menschen, trotz hoher Qualifikationen, ihren Arbeitsplatz verlieren. In dieser Situation verhalten sich Transgender nicht anderes als andere Menschen, die plötzlich ihren Arbeitsplatz verlieren. Sie sind zunächst einmal geschockt und stehen der neuen Situation relativ hilflos gegenüber. Sie werden - zusätzlich zur ihrer Transidentität - mit Problemen konfrontiert, auf die sie nicht ausreichend vorbereitet sind.

Für viele Transgender bedeutet die betriebliche Ausgliederung ein Bruch in ihrer beruflichen Entwicklung, die durchaus zu einem langfristigen Bruch in der Arbeitsbiographie führen kann. Auf Grund immer noch vorhandener gesellschaftlicher Diskriminierung und nicht (ausreichend) vorhandenen gesetzlichen Regelungen, haben meines Erachtens Transgender-Personen weitaus geringere Chancen aus der Arbeitslosigkeit heraus zu kommen bzw. bei der Wiedereingliederung in den (regulären) Arbeitsmarkt. Es gibt also bis heute noch keine konkreten Rahmenbedingungen und praktischen Ansatzpunkte innerhalb der Arbeitsmarktpolitik und Beschäftigungsförderung, die sich an die jeweiligen individuellen Interessenlagen von Transgender ausrichten.

Die Arbeitsmarktpolitik mit dem Förderansatz nach dem Sozialgesetzgegungsbuch III (SGB) - Arbeitsförderung hat zwar Beschäftigungsmöglichkeiten für viele Menschen in unterschiedlichen Situationen mit individuellen Möglichkeiten und Wünschen und mit verschiedenen Benachteiligungen eröffnet. Die Belange von Transgender werden dort aber bis heute nicht berücksichtigt. Funktion der Arbeitsmarktpolitik sollte es aber auch sein, gesellschaftlichen Randgruppen mit schlechten Arbeitsmarktchancen (z.B. Transgender) rechtzeitig eine Förderung zu gewähren bzw. Rahmenbedingungen zu schaffen, damit sie dauerhaft in das Beschäftigungssystem integriert bzw. reintegriert werden.

Nach meiner Ansicht ist es deshalb erforderlich, daß sich die Arbeitsmarktpolitik nicht nur weiterentwickelt, sondern sich auch für die Belange von Transgender-Personen öffnet. Folgende Punkte sollte deshalb Berücksichtigung finden:

Einführung von Arbeitsmarkt- bzw. Förderprogramme für arbeitslose bzw. von Arbeitslosigkeit bedrohte Transgender auf Bundes und Landesebene
Bereitstellung finanzieller Mittel für Beschäftigungshilfen für langzeitarbeitslose Transgender
Recht auf Weiter- und Fortbildung sowie Umschulung von Transgendern (entsprechende Ergänzung innerhalb des SBG III - Arbeitsförderungsgesetz)
Einführung einer Quotenregelung bei zu besetzenden Arbeitsplätzen bzw. Stellen
Schaffung finanzielle Anreize für Weiterbildungsträger und Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaften, wenn diese Transgender qualifizieren und beschäftigen
Einführung steuerlicher Anreize für Unternehmen, wenn diese die Transgender einstellen
Geldbußen für Unternehmen, wenn sie nicht mindestens X Prozent Transgender einstellen (analog Behindertenförderung)
Recht auf Rückkehr von transsexuellen Personen an ihren Arbeitsplatz nach der "Anpassung" (Aufnahme ins SGB III - Arbeitsförderung)
Erhöhung der Transgendererwerbsquote durch Arbeitszeitflexibilisierung
Einführung von Existenzgründungsprogramme für Transgender
Einführung einer Ausbildungspflicht von Unternehmen für jugendliche Transgender
Weiterentwicklung des "Gender-Mainstream-Ansatzes" zur Aktivierung aller Potentiale zur Herstellung von Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt für Transgender

Ich würde mich freuen, wenn Sie als genderpolitische Sprecherin der PDS-Bundestagsfraktion diese Vorschläge durchdenken und eventuell mit in Ihren Forderungskatalog an die Bundesregierung aufnehmen würden.

Über Rückantwort würde ich mich freuen.

Mit freundlichen Grüßen
Pia York