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TAGUNG: Bericht von der Berliner Fachtagung "Männlich -weiblich - menschlich?"

Deborah Campbell hat für uns die Fachtagung besucht. Hier ihr Bericht:
Am 18./19. November 2004 fand in Berlin eine Fachtagung über Transgeschlechtlichkeit und Intersexualität mit dem Titel: „männlich – weiblich – menschlich?“ statt. Veranstaltet wurde sie von der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport in Zusammenarbeit mit dem Sonntagsclub, Berlin. Die Tagung richtete sich an Fachkräfte aus pädagogischen und psychologischen Arbeitsfeldern sowie des Gesundheitswesens und an alle, die sich für diese Sachverhalte interessieren. Angesprochen waren unter anderem Mitarbeiter in Schulen, Kindertagesstätten und Einrichtungen der Jugendhilfe, die sich mit Fragen der Geschlechtsidentität selten auskennen oder beschäftigt haben. Die beim Prozess der Geschlechtsidentitätsfindung und bei Schritten zur Geschlechtsanpassung oder -verdeutlichung entstehenden Probleme sollten dargelegt und diskutiert werden. Ziel sollte es sein, die Akzeptanz von Transgender in Öffentlichkeit und Alltag zu fördern und die psychosoziale Unterstützung von Transgender-Menschen zu verbessern. Angeboten wurden Vorträge und Arbeitsgruppen zu bestimmten Themenkreisen, nachzulesen unter http://www.senbjs.berlin.de/gleichgeschlechtliche/.

Dr. Kurt Seikowski aus Leipzig, von der Gesellschaft für Sexualwissenschaft, hielt einen Vortrag mit dem Titel: “ Was ist Transsexualität?“ Am gleichen Tag dozierte Knut Werner Rosen, Psychotherapeut aus Berlin, über das Thema: “Was ist Intersexualität?“ Zwischen den Vorträgen interviewte die Journalistin Ulla Fröhling jeweils zum Thema einen transsexuellen und einen intersexuellen Menschen. Nico J. Beger, Brüssel, stellte das Thema Transgender aus europäischer Perspektive dar. Dr. Konstanze Plett von der Uni Bremen, Zentrum für feministische Studien, beleuchtete einen juristischen Aspekt der Transgender-Thematik in ihrem Referat über die Bestimmung von Geschlecht durch Recht.

Eine Filmvorführung „Das verordnete Geschlecht“ über das Leben von Intersexuellen, die Eröffnung der Ausstellung „Bilder aus dem TransitRaum“ von Samira Fansa und die Performance von Bridge Markland und den Kingz of Berlin umrahmten die Veranstaltung kulturell. Den Abschluss der Veranstaltung bildete ein runder Tisch mit
- Helma Katrin Alther, Köln, von der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität,
- Maria Sabine Augstein, Rechtsanwältin und Vorsitzende des Lesben- und Schwulenverbandes, LV Bayern
- Prof. Martin Danndecker von der deutschen Gesellschaft für Sexualforschung, Frankfurt

Die Bilanz einer solchen Tagung kann sicher jeder Besucher nur individuell für sich ziehen. Aufgrund des sehr weiten Teilnehmerfeldes waren die Erwartungen der einzelnen fürwahr sehr unterschiedlich. So drifteten die Meinungen über den Nutzen dieser Tagung dann auch weit auseinander. Sicherlich konnte die umfangreiche Problematik in der Kürze der Zeit nur ansatzweise und grob umrissen werden. So blieben die Vorträge zwar einerseits sehr allgemein und für Betroffene selbst wenig informativ, auf der anderen Seite wurde Personen, die zum ersten Mal mit Problemen der Geschlechtsidentität konfrontiert wurden, eine ausreichende erste Orientierung und Sensibilisierung geboten. Mehr allerdings auch nicht. Und Betroffene konnten real erlebt werden, es gibt sie also und sie sind unter uns, ganz alltäglich, ein nicht zu unterschätzender Faktor in der Gesellschaft.

Entgegen meines Verständnisses der Einladung bestand aber die Mehrheit der Teilnehmer aus Betroffenen, die in der Regel mindestens so gut über die Problematik informiert waren, wie die Dozenten selbst. Für sie waren die Vorträge deshalb sicher wenig interessant. Da waren die Arbeitsgruppen vielleicht etwas ergiebiger. Diesen Konflikt eines auseinanderklaffenden Wissensstandes haben wir immer dann, wenn Fachbesucher mit betroffenen Laien konfrontiert werden. Hieran Kritik zu üben bedeutet aber, das Konzept der Tagung an sich in Frage zu stellen, denn sie war auf ein nur wenig informiertes Publikum ausgerichtet.

Und genau dies war dann auch ein Schwachpunkt der Tagung: dadurch, dass die eigentlich anvisierte Zielgruppe deutlich in der Unterzahl war, wurde die Chance auf eine Multiplikation der Akzeptanz von Transgeschlechtlichkeit und Intersexualität in der Öffentlichkeit größtenteils vertan.

Ein weiterer Schwachpunkt war meinem Empfinden nach die Art der Gesprächsführung und Kommunikation. Zum einen die Journalistin Ulla Fröhling. Wenn ein Gast wünscht, bestimmte Fragen im Gespräch nicht anzureißen, so hat man das als Interviewer zu respektieren, Punkt. Ein Journalist, der diese Grundsätze nicht beachtet, hat auf dem Podium nichts verloren, insbesondere bei einem solch sensiblen Thema. Und das muss auch für eine Interviewpartnerin gelten, die selbst in ihren Statements hin und wieder weit über das Ziel hinausschoss.

Zum anderen störte mich generell die Diskussionskultur. Das war alles etwas planlos und realitätsfern. Teilweise kamen mir die auf der Tagung anwesenden Betroffenen vor wie ein geschlossenes System, welches, das eigene Gleichgewicht suchend, keinerlei Interaktion mit anderen Systemen wünscht. Sicher sind Wortmeldungen und Beiträge aus dem Publikum sinnvoll und nützlich. Uninteressant und nervend wird es aber spätestens dann, wenn immer wieder dieselben Personen glauben, etwas Gehaltvolles zu ihrem individuellen Thema beitragen zu müssen.

Jeder Mensch muss in seinem Leben mit Situationen umgehen, die er nur bedingt oder gar nicht beeinflussen kann. Und jeder Mensch bildet nur für sich das Zentrum seiner kleinen Welt. Was einen selbst auch noch so intensiv beschäftigt, es betrifft die anderen doch nur am Rande. Die einen kommen damit besser klar, die anderen weniger gut. Die zielgruppengemäßen Besucher dieser Fachtagung interessierten sich jedoch nicht wahllos für Einzelfälle mit persönlicher Betroffenheit, sondern wollten einen groben Überblick über Transgender und Intersexuelle bekommen, Betonung auf Überblick und grob. Da muss man vereinfachen und verallgemeinern. Und Einzelfälle wurden ja auch besprochen, genauer gesagt bei den Einzelinterviews. Und dann wird es nervig, wenn Wortmeldungen immer wieder die eigene Egozentrik reflektieren.

Was kann man nun von dieser Tagung mitnehmen? Es wurde zum Beispiel recht schnell deutlich, dass es nicht sinnvoll ist Transgender und Intersexuelle zusammen zu bringen. Die einen stellen die alternative Zuordnung und Sozialisierung in weiblich oder männlich nicht grundsätzlich in Frage, sondern wollen lediglich die bei ihnen vorgenommene Zuordnung korrigieren. Die anderen stellen das Zwei-Geschlechtersystem prinzipiell in Frage und fordern zumindest ein offizielles drittes Geschlecht. Theoretisch - meiner Meinung nach zu Recht – hat die Fachtagung zu Beginn angenommen, dass alle diese Menschen im Prozess der Geschlechtsidentitätsfindung und bei Schritten zur Geschlechtsanpassung oder -verdeutlichung großen Problemen durch Uninformiertheit, Tabuisierung und Vorurteile ausgesetzt sind. Diskriminierungen und psychische Belastungen führen nicht selten zu massiven Persönlichkeitskrisen bis hin zur Suizidgefährdung. Der Verlauf der Tagung legte hierzu am Ende einen Schluss nahe, der von einer Teilnehmerin treffend formuliert wurde: Transgender und Intersexuelle haben zurzeit wohl keine gemeinsame Basis, um politisch etwas bewegen zu können; kein Gegeneinander aber auch kein Miteinander. Diese Aussage ist stark vereinfacht wiedergegeben.

Es wurde viel über Gesellschaft gesprochen. Transgender und Intersexuelle sind selbstverständlich ein Teil der Gesellschaft, wenn auch noch immer kein selbstverständlicher. Doch sie sind nur eine Minderheit. Unsere Gesellschaft macht sich keine allzu großen Gedanken über Geschlechtsidentität. Und wahrscheinlich wird sie sich auch solange keine Gedanken hierüber machen, wie die Mehrheit keine eigenen Probleme damit hat.

Obendrein hat unsere Gesellschaft momentan andere Probleme, als sich mit Geschlechtsidentität zu befassen und ehrlich gesagt, es gibt auch Dringlicheres. Die meisten Menschen sind eben nicht verunsichert, was einen Mann und was eine Frau ausmacht. Für sie stellt sich die Frage einfach nicht, ob es ein Gewinn für alle sein könnte, über den Sinn von Geschlechterpolaritäten neu nach zu denken. Die Sicherung von Arbeitsplatz, Rente und Krankenversicherung, das geht den Menschen unter anderem im Kopf herum. Wir werden wohl noch eine lange Zeit damit leben müssen, dass ein Mensch mit weiblichem Erscheinungsbild auch als Frau wahrgenommen wird, sei sie trans-, inter-, homo- oder heterosexuell, auch wenn sie es vielleicht gar nicht will. Ist ein Mensch nicht eindeutig als weiblich oder männlich zu erkennen, so erzeugt er Verwirrung; diese kann er aufklären oder es lassen. Er wird aber die Verunsicherung der Anderen akzeptieren müssen.

Je offener und selbstbewusster betroffene Menschen ihre Identität leben, desto selbstverständlicher wird es für die Gesellschaft werden, mit Transgender und Intersexuellen umzugehen.

Wir stehen hier erst am Anfang, es ist nicht an der Zeit von der Gesellschaft irgendetwas zu fordern, sondern die Gesellschaft mit den Problemen der Geschlechtsidentität zu konfrontieren und sie aufzuklären. Nur so wird sich auf lange Sicht etwas ändern lassen – und es ist ein langsamer Prozess.

Es wird auch immer Menschen geben, die – aus welchen Gründen auch immer – nichts mit Transgender und Intersexuellen anfangen können, von Ignoranz bis hin zur Diskriminierung. Da mag auch Aufklärung keine Wirkung zeigen. Das muss man akzeptieren oder tolerieren und dort, wo es nötig ist, dagegen ankämpfen.
Natürlich kann es sinnvoll sein, mehr zu fordern, um wenigstens ein Minimum zu erreichen. Meine Überzeugung ist es aber, dass man immer realistisch bleiben sollte. Was kann ich also momentan erreichen? Hier hätte man in Berlin durchaus intensiver diskutieren können, was konkret zu erreichen wäre, was machbar ist.

Die größte Schwäche der Veranstaltung war allerdings, dass sie sich zu viel vorgenommen hatte. Wenn man auch nur ansatzweise dachte, durch diese Tagung die Akzeptanz von Transgender in Öffentlichkeit und Alltag zu fördern, konnte man mit dieser Absicht nur scheitern.

Zum einen fand die Tagung mehr oder weniger unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Ferner fand kein wirklicher Austausch zwischen unterschiedlichen Interessengruppen statt, wenn beispielsweise Konflikte entstehen, sobald es um die Zuweisung von Fördermitteln und Zuschüssen geht. Auch in der Tagespresse wurde die Fachtagung wohl eher nicht wahrgenommen, was aber wichtig gewesen wäre, wenn ein gesellschaftlicher Prozess angestoßen werden soll.

Insoweit konnten Betroffene und Fachleute offen miteinander diskutieren, sich positionieren, abgrenzen. Solange sie es aber nur untereinander tun, erreichen sie eher wenig. Und die nichtanwesenden Politiker zeigten sehr deutlich, wo sie für sich den Stellenwert der Veranstaltung ansiedelten.

Und dann frage ich mich natürlich auch, wo waren beispielsweise die Vertreter der Ärzteschaft, die wie die Tagung verdeutlichte, schnell lernen müssten, qualifiziert und souverän mit der Thematik der Intersexualität umzugehen. Sie hätten meiner Meinung nach unbedingt mit auf das Podium gehört, um uns die medizinische Sichtweise und Problematik zu erläutern.

Sind solche Veranstaltungen sinnvoll, braucht man sie, sind sie wichtig und wenn für wen? Hier kann ich nur mit einem klaren und eindeutigen Jein antworten. Dann, wenn die angesprochene Zielgruppe den größten Teil der Besucher stellt und die Betroffenen nur als Ergänzung dazu kommen. Dann, wenn die Moderation eine stringentere Kommunikation aller Beteiligten ermöglicht. Dann, wenn die persönliche Betroffenheit dort gelassen wird, wo sie hingehört, in den Selbsthilfegruppen. Dann, wenn Themen und Zielgruppe konkreter aufeinander abgestimmt werden, selbst wenn sich der eine oder andere Betroffene ausgeschlossen fühlen könnte. Ich denke hier beispielsweise an spezielle Tagungen für Mediziner, Juristen, Sozialarbeiter, Pädagogen usw. Dann, wenn das Podium ein realistischeres Abbild der Gesellschaft repräsentiert. Nicht, was das prozentuale Verhältnis angeht, sondern dass ein möglichst breites gesellschaftliches Spektrum abgedeckt wird. Unbedingt, weil das Thema für die Gesellschaft wichtig ist und es qualifiziert in die Öffentlichkeit gebracht werden muss.

Ja, weil wir in Zeiten von Harz IV und zunehmender gesellschaftlicher Kälte ein vorurteilsfreies Miteinander mehr denn je brauchen.

Deborah Campbell